Paralympics: Die doppelte Gold-Leni und Medaillenregen in der Loipe
Die zweitgrößte deutsche Mannschaft in der 50-jährigen Geschichte der Paralympischen Winterspiele, ein Sportarten-Rekord und ein in der Breite sehr starkes Ergebnis – das Team Deutschland Paralympics hat beim Comeback in den europäischen Alpen mit herausragenden Leistungen und emotionalen Momenten überzeugt. Anna-Lena Forster sorgte für die beiden deutschen Goldmedaillen. Weitere Sprünge nach ganz oben aufs Podest gelangen zwar nicht, doch 17 Edelmetalle und zahlreiche Spitzenplatzierungen insbesondere von jungen Athlet*innen machen Mut für die Zukunft.
40 Athlet*innen und acht Guides – so groß war das Team D Paralympics im Winter seit Lillehammer 1994 nicht mehr. Und die zweitgrößte Mannschaft, die exakt zur Hälfte aus Debütant*innen bestand, hat in der Breite im internationalen Kräftemessen großartige Resultate erzielt: zweimal Gold, sechsmal Silber und neunmal Bronze lautet die Bilanz mit Blick auf die Medaillen. Das sind fast so viele Edelmetalle wie vor vier Jahren in Peking und 2018 in PyeongChang, als es das deutsche Team jeweils 19 Mal aufs Treppchen schaffte. Hinzu kommen 31 Resultate auf den Rängen vier bis acht, darunter allein zehn vierte Plätze. Teils fehlten nur Wimpernschläge oder wenige Sekunden für weitere Sprünge aufs Treppchen. Zum Vergleich: In Peking 2022 waren es 19 Ergebnisse auf den Plätzen vier bis acht, davon siebenmal Rang vier.
Insgesamt waren 611 Athlet*innen aus 55 Nationen am Start, so dass der bisherige Rekord aus PyeongChang 2018 geknackt wurde. Damals waren es 564 Sportler*innen aus 48 Ländern. Nicht nur die Konkurrenz ist größer geworden, auch die Leistungsdichte nimmt immer weiter zu. So gab es diesmal 27 Nationen, die Medaillen gewonnen haben; acht mehr als vor vier Jahren. Das vorab gesteckte Ziel – eine Platzierung unter den besten sechs Nationen mit Blick auf die Gesamtzahl der Medaillen – hat das Team D Paralympics erreicht. Rang vier war es in der Endabrechnung nach 79 Entscheidungen hinter China, USA und der Ukraine. 2018 war es in der Nationenwertung noch der sechste Platz und 2022 Rang fünf.
Marc Möllmann: Positive Bilanz, starkes Team D Paralympics
„Unsere Bilanz fällt positiv aus. Acht Athletinnen und Athleten haben die 17 Medaillen gewonnen, dazu die zahlreichen weiteren Top-Ergebnisse. Das zeigt, dass wir hier ein starkes Team am Start hatten, wenngleich wir uns natürlich noch mehr Platzierungen auf dem Podium und auch Ausreißer nach ganz oben gewünscht hätten“, sagt Marc Möllmann, Vorstand Leistungssport im Deutschen Behindertensportverband und erstmals Chef de Mission des Team D Paralympics. „Wir blicken aufgrund der Ergebnisse zuversichtlich in die Zukunft. Die Spiele haben erneut verdeutlicht, dass die Professionalisierung kontinuierlich zunimmt und die Weltspitze immer enger zusammenrückt. Es muss einfach alles passen, wenn man ganz oben stehen will“, betont Möllmann.
Nun gehe es darum, nach der Analyse der Ergebnisse die richtigen Schlüsse zu ziehen, um mittelfristig noch erfolgreicher zu sein. Möllmann: „Dafür ist eine verbesserte und verlässliche Förderung in allen Bereichen unerlässlich. Zudem gilt es, die in den letzten Jahren stark intensivierte und bereits erfolgreiche Nachwuchssichtung und -förderung weiter voranzutreiben. Uns war schon vor diesen Winter-Paralympics bewusst, dass wir unseren eingeschlagenen Weg der Professionalisierung konsequent fortsetzen und die Anstrengungen intensivieren müssen, um unsere ambitionierten strategischen und operative Ziele auch künftig zu erreichen.“
Die größten Ausrufezeichen setzte Monoskifahrerin Anna-Lena Forster (BRSV Radolfzell). „Gold-Leni“ fügte ihrer beeindruckenden Bilanz zwei weitere Paralympics-Siege hinzu, insgesamt sind es nun sechs. Während die 30-Jährige in Peking und PyeongChang jeweils im Slalom und in der Super-Kombination über Gold jubelte, war es diesmal in der Abfahrt und im Riesenslalom. Zudem gewann sie Kombi-Silber und verpasste eine weitere Medaille in ihrer Paradedisziplin Slalom nur um acht Hundertstel.
Edelmetall-Quartett: Anja Wicker und Marco Maier gewannen die meisten Medaillen
Noch mehr Edelmetalle sammelte Anja Wicker im Para Ski nordisch. Nach Silber und zweimal Bronze in den Biathlon-Wettbewerben krönte die 34-Jährige ihre Leistungen zum Abschluss mit ihrer ersten Paralympics-Medaille im Skilanglauf. Über 20 Kilometer kämpfte sich Wicker auf Platz zwei – und sprach von ihren besten Spielen überhaupt. Auch Marco Maier (SV Kirchzarten) gewann vier Edelmetalle: dreimal Bronze im Biathlon sowie Staffel-Silber. Tesero im Val di Fiemme entwickelte sich trotz herausfordernder Loipen-Bedingungen zur deutschen Medaillenhochburg. 14 der 17 Edelmetalle gab es im Biathlon und im Skilanglauf – damit ist Deutschland die drittbeste Nation im Para Ski nordisch, obwohl eine Erkältungswelle die Mannschat empfindlich schwächte. „Ich bin mit der mannschaftlichen Leistung insgesamt sehr zufrieden, auch wenn vielleicht der Top-Platz der Goldmedaille gefehlt hat. Da war uns einfach das Glück nicht hold“, resümierte Bundestrainer Ralf Rombach.
Für die drei Alpin-Medaillen sorgte Anna-Lena Forster. Mehr Edelmetall sprang für das siebenköpfige Team mit drei Debütant*innen nicht heraus. „Unser Fazit fällt zweigeteilt aus. Hinsichtlich der Medaillenanzahl sind wir nicht ganz happy, da hatten wir uns mehr erwartet. Dafür sind wir mit vielen Einzelleistungen sehr zufrieden“, sagte Bundestrainer Justus Wolf.So gab es noch mehr Grund zum Jubeln auf der Tofana. Andrea Rothfuss begeisterte bei ihrem Comeback nach fast zweijähriger Ausfallzeit aufgrund von Depressionen und raste bei ihren sechsten und letzten Paralympics mit beherzten Rennen zweimal auf den vierten Rang. Zur Belohnung darf sie bei der Abschlussfeier gemeinsam mit Para Snowboarder Christian Schmiedt die deutsche Fahne schwenken. Schmiedt erreichte als Pionier und Vorkämpfer seiner Sportart zwei Platzierungen unter den zehn besten Fahrern der Welt – im Cross wurde er Neunter, im Banked Slalom Zehnter.
Para Eishockey: „Für uns war das Turnier eine unglaubliche Erfahrung“
Ihr Comeback feierte auch die deutsche Para Eishockey-Nationalmannschaft 20 Jahre nach der letzten Paralympics-Teilnahme in Turin. Am Ende stand ein sechster Platz, ein umjubelter Overtime-Sieg gegen die Slowakei durch vier Tore von Felix Schrader im wichtigen Überkreuzspiel, ein Duell um Rang fünf vor 6000 Zuschauern gegen Gastgeber Italien – und ganz viel Werbung für den Para Eishockey-Sport. „Für uns war das Turnier eine unglaubliche Erfahrung, es hat super viel Spaß gemacht und wir sind total dankbar, hier gewesen zu sein“, sagt Kapitän Jan Malte Brelage und Ingo Kuhli-Lauenstein ergänzt: „Wir wollen das als Vorgeschmack und Motivation mitnehmen, damit wir in vier Jahren wieder dabei sind. Wir werden alles geben, damit uns das gelingt.“
Ihre ersten Paralympics-Medaillen gewannen Johanna Recktenwald mit Guidin Emily Weiss (Bronze im Para Biathlon) sowie Sebastian Marburger (Silber im Para Skilanglauf) und Theo Bold mit Guide Jakob Bold mit Staffel-Silber. Auch andere Debütanten glänzten mit starken Leistungen. Lennart Volkert und Guide Nils Kolb verpassten das Treppchen gleich dreimal knapp im Biathlon, mit der Mixed-Staffel und zum Abschluss im Skilanglauf. Ebenso erging es Kathrin Marchand im Skilanglauf-Sprint – weniger als zwei Sekunden fehlten der 35-Jährigen bei ihrer Winter-Premiere, nachdem sie zuvor bereits im Rudern sowohl an Olympischen als auch an Paralympischen Spielen teilgenommen hatte. Hauchdünn das Podium verpasst hat auch Andrea Eskau bei ihrer neunten Paralympics-Teilnahme als Vierte im Skilanglauf-Sprint.
Idriss Gonschinska: „Para Sport braucht die Sichtbarkeit, um gesellschaftlich an Stellenwert hinzuzugewinnen“
Was bleibt noch von den 14. Winter-Paralympics, die exakt 50 Jahre nach der ersten Ausgabe im schwedischen Örnsköldsvik stattfanden? Eine schwierige Eröffnungsfeier, die künftig wieder die Athlet*innen in den Mittelpunkt stellen sollte, sowie Paralympische Dörfer, die gerne etwas liebevoller und großzügiger gestaltet werden dürfen – aber vor allem: volle Tribünen, hervorragende Stimmung, Familie und Freunde als lautstarke Unterstützer, imposante Wettkampfstätten, eine traumhafte Kulisse bei der Rückkehr in die europäischen Alpen, eine reibungslose Organisation, hilfsbereite Volunteers und ein Team D Paralympics, dass sich authentisch und erfolgreich präsentierte. Und viele neue Fans gewann – von Bärbel Bas, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, über die Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Christiane Schenderlein, sowie Vertreter*innen des Sportausschusses bis hin zu Partnern, Sponsoren und TV-Zuschauern.
„Die Athletinnen und Athleten haben uns in ihren Bann gezogen – mit ihren beeindruckenden Leistungen ebenso wie mit ihren inspirierenden Geschichten. Die Vielzahl an engen Wettbewerben unterstreicht die sportliche Exzellenz. Die Tage in Mailand, Cortina und Tesero mit all den Begegnungen und der außergewöhnlichen Atmosphäre haben mich verzaubert. Der Para Sport braucht diese Sichtbarkeit, um gesellschaftlich noch mehr an Stellenwert hinzuzugewinnen“, sagt der DBS-Vorstandsvorsitzende Idriss Gonschinska und fügt an: „Wir können viel lernen von den paralympischen Athletinnen und Athleten. Sie sind wunderbare Botschafter, die Grenzen überwinden, und zeigen, dass der Para Sport Brücken bauen und Barrieren abbauen kann.“
Text/Quelle: Kevin Müller / DBS
Die Bilanz der badischen Athletinnen und Athleten in der Übersicht:
Anna-Lena Forster (BRSV Radolfzell)
- Gold in der Abfahrt
- Im Super G ausgeschieden
- Silber in der Super-Kombination
- Gold im Riesenslalom
- 4. Platz im Slalom
Leonie Walter (SC St. Peter)
- Bronze im Biathlon-Sprint
- 5. Platz im Biathlon-Einzel
- 4. Platz im Langlauf-Sprint
- Bronze über Langlauf-Mitteldistanz (10 km Klassisch)
- Bronze in der Biathlon-Sprintverfolgung
- 4. Platz in der Mixed-Staffel mit Anja Wicker, Nico Messinger (mit Guide Robin Wunderle) sowie Lennart Volkert (mit Guide Nils Kolb)
Merle Menje (Stadt-Turnverein Singen)
- 15. Platz im Langlauf-Sprint
Marco Maier (SV Kirchzarten)
- Bronze im Biathlon-Sprint
- Bronze im Biathlon-Einzel
- Bronze in der Biathlon-Sprintverfolgung
- Silber in der offenen Staffel mit Theo Bold (und Guide Jakob Bold), Sebastian Marburger, Linn Kazmaier (und Guide Florian Baumann)
Nico Messinger (Ring Freiburg)
- 13. Platz im Biathlon-Sprint
- 8. Platz im Biathlon-Einzel
- 4. Platz in der Mixed-Staffel mit Anja Wicker, Leonie Walter (und Guide Christian Krasman) sowie Lennart Volkert (mit Guide Nils Kolb)
Alexander Ehler (SV Kirchzarten)
- 9. Platz im Biathlon-Sprint
- 11. Platz im Biathlon-Einzel
- 17. Platz im Langlauf-Sprint