Para Ski nordisch auf Asphalt

Johanna Recktenwald gewinnt bei den deutschen Meisterschaften im Para Biathlon ihren ersten nationalen Titel bei den Aktiven, Marco Maier meldet sich nach mehreren Rückschlägen durch Krankheiten zurück. Die Rennen am Notschrei im Südschwarzwald finden auf Skirollern statt – ein Umstand, der wegen der Klimaerwärmung in Zukunft stärker die Regel werden könnte.    

Lennart Volkert hatte es mit Blick auf die Vorhersage schon geahnt. „Das wird bestes Wetter“, scherzte der 23-Jährige vom PSV München wenige Tage vor den deutschen Meisterschaften im Para Skilanglauf und Para Biathlon in einem Instagram-Video. Am Ende stellte das Wetter den Ausrichter SV Kirchzarten sogar vor noch größere Herausforderungen als erwartet. Das Zehn-Kilometer-Rennen im Skilanglauf am Sonntag fiel ersatzlos aus, weil ein heftiger Sturm die Sicherheit gefährdete und zudem Strom sowie Internet und Mobilfunknetz ausfielen. Die Wettkämpfe im Para Biathlon-Sprint am Samstag fanden statt – unter erschwerten Bedingungen.

„Wir hatten in weiser Voraussicht ein Kehrfahrzeug bestellt“, berichtet Michael Huhn aus dem Trainerteam des deutschen Nationalkaders. Vorgesehen war das in erster Linie für das Herbstlaub auf der Strecke im Nordic-Center Notschrei. Doch in der Nacht zum Samstag fiel auf der rund 1200 Meter hoch gelegenen Anlage überraschend Schnee. Was Wintersportlerinnen und Wintersportler normalerweise freuen würde, kam in diesem Fall ungelegen: Die Meisterschaften wurden auf Skirollern ausgetragen.

Weltverband FIS diskutiert Klimawandel-Folgen  

Termin und Austragungsort hatten in erster Linie organisatorische Gründe; es ist geplant, die nationalen Meisterschaften künftig im jährlichen Wechsel in der Skisporthalle im thüringischen Oberhof und am Notschrei stattfinden zu lassen. Die deutschen Para Athletinnen und Athleten sind es wenig gewohnt, für ein offizielles Rennen Skiroller statt Langlaufskier anzuschnallen – noch. Denn schon in naher Zukunft könnten Skiroller-Wettkämpfe Bestandteil des offiziellen Weltcups werden.

Zur Diskussion steht das aktuell primär im olympischen Skilanglauf. Der italienische Nationalverband hat auf der Herbsttagung des Ski- und Snowboard-Weltverbands FIS vor rund einem Monat in Genf eine Sommerstation ab 2027/2028 ins Spiel gebracht. Begründung: Durch die Klimaerwärmung werde es immer herausfordernder, Wettkämpfe auf Schnee zu organisieren. Auch die Wissenschaft beschäftigt sich mit den Folgen des Klimawandels für den nordischen Wintersport. An einer bis Ende November 2026 laufenden Studie der Deutschen Sporthochschule Köln zur Anpassungsfähigkeit der Bundesstützpunkte ist neben dem Deutschen Skiverband unter anderem der Deutsche Behindertensportverband beteiligt.

Im olympischen Biathlon sind Wettkämpfe auf Skirollern im Sommer schon länger etabliert. Die deutschen Meisterschaften fanden Anfang September ebenfalls am Notschrei statt. Pläne der Internationalen Biathlon-Union (IBU), Skiroller-Wettkämpfe in den regulären Weltcup zu integrieren, sind nicht bekannt. Ihr Stellenwert wächst trotzdem. Das Loop One Festival Mitte Oktober 2026 in München erklärte die IBU zum Wintersaison-Opening. Im Olympiapark trafen zahlreiche Medaillengewinnerinnen und Medaillengewinner der Olympischen Spiele und der Paralympics 2026 zu Wettkämpfen zusammen. Insgesamt besuchten rund 25.000 Menschen das Event. Das deutsche Para Ski nordisch-Team nutzte das Festival, um für den Para Sport zu werben. Marco Maier (SV Kirchzarten) gewann bei den Männern stehend vor seinem Dauerrivalen Mark Arendz aus Kanada, Nico Messinger (Ring der Körperbehinderten Freiburg) hatte bei den Männern mit Sehbehinderung die Nase vorn. „Die Kulisse war ein Traum“, berichtete Maier.

Der 26-Jährige hätte nichts dagegen, häufiger Skiroller-Wettkämpfe in urbanen Gebieten zu erleben – am liebsten zusammen mit olympischen Kollegen; er sieht darin die Chance, stärker auf die eigenen Leistungen aufmerksam zu machen. Andere in der Nationalmannschaft sind da zurückhaltender. „Wintersport verstehe ich persönlich anders“, sagt der Trainer Michael Huhn, der sich neuen Realitäten aber nicht verschließt. Schneesicherheit sei zum Privileg geworden. „Und wenn wir irgendwann nur noch auf weißen Bändern in grünen Landschaften unterwegs sind, ist das auch nicht das, was ich mir vorstelle. Dann ist es zu Skiroller-Wettkämpfen auch nicht mehr weit.“

Erkenntnisse lassen sich gut übertragen

Die Erkenntnisse jedenfalls, die das Trainerteam am Wochenende am Notschrei gewann, ließen sich gut übertragen auf den anstehenden Weltcup-Winter auf Skiern. Besonders erfreut registrierte Huhn den Auftritt von Marco Maier, der das gemeinsam gewertete 7,5-Kilometer-Rennen der Männer stehend und der Männer mit Sehbehinderung vor Lennart Volkert (mit Guide Matteo Lewe) und Theo Bold (WSV Isny, mit Guide Jakob Bold) gewann. „Marco war in den vergangenen Monaten leider häufig krank. Jetzt scheint er wieder in der Spur zu sein“, sagt Michael Huhn. Alexander Ehler und Max Long (beide SV Kirchzarten) landeten auf der regennassen Asphaltstrecke auf den Plätzen vier und fünf, Nico Messinger musste erkältungsbedingt passen. Johannes Rank (WSV Trusetal, mit Guide Florian Baumann), der neue deutsche Jugendmeister bei den Männern mit Sehbehinderung, hinterließ ebenfalls einen guten Eindruck.

Bei den Frauen gewann Anja Wicker (MTV Stuttgart) den Titel in der sitzenden Konkurrenz. Johanna Recktenwald (Biathlon-Team Saarland, mit Guide Emily Weiss) setzte sich in der gemeinsamen Wertung der Frauen stehend und der Frauen mit Sehbehinderung vor Leonie Walter (SC St. Peter, mit Guide Emil Schmidt) und Lena Schöllig (MTV Stuttgart) durch; Schöllig ist hauptsächlich im Para Klettern aktiv und wurde dort 2026 EM-Dritte. Für Johanna Recktenwald, 2025 Para Weltmeisterin im Biathlon Einzel, war es der erste nationale Biathlon-Titel bei den Aktiven. Und das, obwohl sie nach eigenen Angaben wegen größerer Sturzgefahren keine große Freundin von Skiroller-Wettkämpfen ist. „Das Rennen war für Emily und mich der erste richtige Härtetest für den Weltcup-Winter. Jetzt ist die Vorfreude nochmal größer.“

Für alle anderen aus dem Nationalkader gilt: Sollte die Vorfreude noch nicht da sein, soll sich das vom 16. November an ändern. Dann beginnt der finale Vorbereitungslehrgang vor dem Weltcup-Auftakt mit je drei Rennen im Para Biathlon und Para Skilanglauf zwischen dem 9. und 18. Dezember im finnischen Vuokatti. Das Trainingslager findet in Goms (Wallis) statt – dann hoffentlich auf Schnee.

Quelle: Nordic Paraski Team Deutschland